10 Nutzen und Erfolgsfaktoren digitaler Lernszenarien

Alexandra Engel

Die Attraktivitätssteigerung dualer Berufsausbildung durch digitale Lernszenarien kann ihren Nutzen entfalten, wenn einige Ausgangsbedingungen erfüllt sind. Diese Ausgangsbedingungen erfordern auch Investitionen. Daher wird den Handlungsempfehlungen vorausgehend der Nutzen digitaler Lernszenarien noch einmal zusammenfassend dargelegt und anhand der Bedingungskontexte konzeptualisiert.

Zentral ist dabei das Ziel des Erhalts der Vielfalt flächendeckender Ausbildungsangebote berufsbildender Schulen. Das fußt nicht nur auf der absoluten Notwendigkeit der Senkung von Mobilitätsbarrieren, sondern hat auch eine regionalentwicklerische Perspektive, die politisch stärker wahrgenommen werden muss. Berufsbildende Schulen verfügen über gut ausgestattete Räume und Werkstätten und hervorragend qualifiziertes Personal. Sie sind der Dreh- und Angelpunkt eines funktionierenden Netzwerks der dualen Partner. Daher sollten sie aus Sicht regionaler Entwicklung für junge Fachkräfte als Inkubatoren der Wirtschaft und in ländlichen Räumen auch als Innovationszentren angesehen und entsprechend gefördert und ausgestattet werden.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag macht in seiner „Offensive für starke Berufsschulen“ sehr deutlich, dass Ausbildung in der Region und vor allem in ländlichen Räumen durch gute Infrastruktur gestärkt werden muss. Er weist dabei insbesondere die politischen Instanzen auf die Notwendigkeit hin, die Attraktivität der dualen Berufsausbildung zu steigern und berufliche Schulen für das digitale Zeitalter auszustatten.

In der Entwicklung der Handlungsempfehlungen wird die Brille der Schülerinnen und Schüler aufgesetzt: Modernisierungen der dualen Berufsausbildungen müssen angesichts der Fachkräfteproblematiken insgesamt und insbesondere in ländlichen Räumen streng an deren Bedarfen und Bedürfnissen ausgerichtet werden.

Dabei gehen wir angesichts der Ergebnisse der Studie von Schametat, Schenk und Engel (Schametat, Schenk & Engel 2017) davon aus, dass Schülerinnen und Schüler in der Berufsfindungsphase eine tendenziell geringere Abwanderungsneigung haben, wenn sie die gewünschten beruflichen Perspektiven vor Ort erfüllen können (vgl. ebd.: 89ff). Wir schätzen sie als beziehungs- und gemeinschaftsorientiert ein, mit einer hohen Affinität zu örtlichen Gemeinschaften und Familie (vgl. ebd.: 104 ff.))

Innovative digitale Lernszenarien müssen einen erlebten Vorteil für Auszubildende abbilden. Die Evaluationsergebnisse des Projekts zeigen zum einen, dass sie diesen Vorteil erleben konnten, zum anderen aber auch, dass die Auszubildenden erwarten, dass sie didaktisch hochwertiges und vielfältiges Lernmaterial vorfinden und dass die zeitliche Struktur des Unterrichts weitgehend unangetastet bleibt, wobei räumliche Flexibilität erwünscht ist.

Digitale Lernszenarien in der dualen Berufsausbildung sind daher keine Entkopplung von Zeit und Raum, wie etwa häufig in der Weiterbildung, sondern nur eine Entkopplung des Raums. Dieser Beurteilung schließen sich die Lehrpersonen an. Neben der räumlichen Flexibilität und damit der Chance der Senkung von Mobilitätsbarrieren hat die Kombination didaktischer Vielfalt und unterschiedlicher Lernkontexte in Präsenz, Selbstlernen oder digitalem Gruppenlernen einen weiteren wichtigen Effekt: die Selbstwirksamkeitsüberzeugung, also die Überzeugung davon, sich nicht nur fachlich, sondern auch lernstrategisch und in der Teamarbeit verbessert zu haben, steigt. Angesicht der vielbeschworenen Kritik an „Ausbildungsreife“ dürfte genau diese Erkenntnis für Wirtschaftsbetriebe Motivation sein, digitale Lernszenarien zu unterstützen. Stärkere und professionellere berufliche Nutzung von Medien, Steigerung der Ausdrucksfähigkeit, höhere Eigenständigkeit und Verantwortungsübernahme sind nicht Ergebnis der Digitalisierung, sondern Ergebnis der Nutzung digitaler Möglichkeiten für die Erweiterung didaktischer Möglichkeiten. Die Lernmotivation steigt, umso ausgefeilter die bereitgestellten Materialien sind.

Dieser Befund macht sehr deutlich, dass aus einer „preiswerten“ Nutzung digitaler Möglichkeiten beispielsweise der reinen Videoübertragung von Präsenzunterricht eine „billige“ Lösung insofern wird, als das zwar Mobilitätsbarrieren abgebaut werden können, kompetenzsteigernde Optionen der Digitalisierung aber erst durch digitale Vielfalt Wirkung entfalten. Angesichts der hohen Unterrichtsqualität in der beruflichen Bildung werden „billige“ – im Sinne diversitätsarmer didaktischer Digitallösungen daher zu negativen Entwicklungen in der Ausbildungsattraktivität und –qualität führen.

Diese Befunde klären auch, dass digitale Lehre – wenn überhaupt – Einsparungen erst ab dem dritten bis fünften Jahr der Implementierung erzielen kann und vorher einer starken Investition in Lehrmaterialien und Fortbildung bedarf. Angesichts zunehmend schneller werdenden Veränderungen in den Berufen selbst ist davon auszugehen, dass die in der Vorbereitungszeit auf Dauer eingesparten Stunden für die Überarbeitung im Sinne der Implementierung dieser Modernisierungsprozesse aufgewendet werden muss. Insofern ist digitale Lehre für Lehrerinnen und Lehrer eine starke Veränderung innerhalb ihres Berufs mit der Chance, den zunehmend stärker werdenden Anforderungen an Binnendifferenzierung in heterogenen Klassen gerecht zu werden. Das erfordert allerdings abgestimmte und arbeitsteilig entwickelte Lehrmaterialien und stellt berufsbildende Schulen somit vor hohe Anforderungen der Kollaboration und Kooperation.

Denn: Je höher die erwarteten Mobilitätsgewinne, desto stärker müssen zeitliche Blockungen und kooperative Beschulungsmodelle realisiert werden.

Zusammen-
fassung
  • Berufsbildende Schulen mit flächendeckenden und vielfältigen Ausbildungsangeboten sind Inkubatoren der Wirtschaft und Innovationszentren in ländlichen Räumen.
  • Vielfaltsorientierte digitale Lernszenarien steigern Fachkompetenz (Theorie und Anwendung), vermitteln digitale Kompetenzen sowie „Ausbildungsreife“ und erhöhen damit die Attraktivität der dualen Berufsausbildung.
  • Digitale Lernszenarien senken die Mobilitätsbarrieren. Abhängig von Lernfeldern / Ausbildungsgang sowie -organisation
    • kann ca. 1/3 der Schulzeiten raumunabhängig stattfinden,
    • können Kosten von zentralisiertem Blockunterricht gesenkt werden und
    • sichern mittels zu verhandelnde (Modell-)Regelungen zu Klassengrößen/Schulbudgets kooperative Beschulungen mit digitalen Lernszenarien zur Erhaltung der Ausbildungsvielfalt in der Fläche.

Daher widmen sich die Handlungsempfehlungen zielorientiert zwei zentralen Fragestellungen:

  • Wie erhalten Schulen die notwendigen technischen Infrastrukturen?
  • Wie entwickeln und modernisieren wir dauerhaft digitale Lehrmaterialien?

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