4.3.3.4 Endevaluation der Befragungen mit den Lehrkräften

In der Endevaluation wurden erneut alle vier Lehrkräfte interviewt. Nachfolgend sind diejenigen Ergebnisse herausgearbeitet, welche an die vorangegangenen Auswertungen anschließen und die Aussagen der ersten Erhebungszeiträume erweitern. Dazu wurden die Ergebnisse den bestehenden Thematiken zugeordnet.

Binnendifferenzierung und Vermittlung schwieriger Inhalte

Sowohl im konventionellen Unterricht als auch bei den digitalen Lehr-Lern-Szenarien sollte das Vorwissen der SuSSchüler und Schülerinnen erfasst werden. Auf dieser Grundlage können verschiedene Wege und Schwierigkeitslevel in die Lehrmaterialien integriert werden. Eine Wenn-Dann Logik bietet sich zur digitalen Binnendifferenzierung besonders an, sodass je nach Aufgabenergebnis den Auszubildenden unterschiedliche Konsequenzen angezeigt werden. Die Informationstiefe ist individuell schnell anpassbar. Bei verstandener Aufgabe geht es in die Vertiefung des Themas und bei nicht verstandener Aufgabe geht es in die Wiederholung. Hier können dann unterschiedliche Medien zur Berücksichtigung der verschiedenen Lerntypen genutzt werden (z. B. Filme, Animationen, also visuell und/oder audiovisuell). Dieses Ausfächern bietet den Lehrkräften eine bessere Steuerungsmöglichkeit bei den individuellen Bedürfnissen der SuS. Möglich wäre auch ein kompakter, verständlicher Kernbereich für alle SuS, um dann vertiefende Materialien je nach Kenntnisstand an die SuS zu vermitteln. Digitale Inhalte können flexibel nachgereicht werden, was die Binnendifferenzierung unterstützt.

Durch die Bandbreite an Möglichkeiten, in digitalen Lehr-Lern-Szenarien unterschiedliche Lerntypen der SuS zu berücksichtigen, können schwierige Themen über unterschiedliche Kanäle vermittelt werden. So können bspw. digitale Beispieldarstellungen, Zusammenhänge, bewegte Grafiken oder auch zugeschaltete Experten evtl. am Anschauungsobjekt erklärend bei der Vermittlung herausfordernder Inhalte unterstützen, was zum einen Lebensweltbeispiele direkt aus den Unternehmen der Auszubildenden ermöglicht und zum anderen immer eine gewisse Aktualität besitzt.

Anforderungen an Lehrkräfte und deren neue Rolle

Für die mit digitalen Lehr-Lern-Szenarien arbeitenden Lehrkräfte mediale Kompetenzen notwendig und technische Affinitäten vorteilhaft. Eine Lehrkraft sollte die Unterrichtsmaterialien jederzeit anpassen können. Hierzu reichen Grundkenntnisse und ein Handbuch, aber selbst diese müssen stetig aufgefrischt werden. Eine noch präzisere Ergebnissicherung als ohnehin ist notwendig, wenn die Auszubildenden selbstständiger arbeiten, damit jederzeit die Lernsequenzen an den individuellen Bedarf der SuS angepasst werden können. Neben Motivation und Teamfähigkeit ist eine Frustrationstoleranz, insbesondere bei technischen Schwierigkeiten, unabdingbar. Eine weitere Änderung in den Anforderungen der Lehrkraft ist die Fähigkeit, Verantwortung an SuS abzugeben.

Im Kontext digitaler Lehr-Lern-Szenarien granuliert das Wissensmonopol von Lehrkräften und Auszubildende werden selbst zu Trägern und Vermittlern von Wissen. Die Lehrkraft selbst tritt verstärkt als Lernbegleiter in einer coachenden Rolle auf. Dabei ist es wichtig, auch extrinsisch motivierend einzugreifen, sodass SuS bei den stärker selbstverwalteten Lernprozessen unterstützt werden.

Anforderungen an SuS und deren neue Rolle

Die SuS müssen die Kultur des digitalen Lernens verstehen, was bedeutet, dass sie für den eigenen Lernfortschritt stärker als zuvor selbst verantwortlich sind. Dazu gehört, dass Technik nicht als Ausrede genutzt werden kann, da es hier um die persönliche Zukunft geht. Wichtige Eigenschaften sind Zuverlässigkeit, Disziplin, Frustrationstoleranz und Akzeptanz sowie Selbstständigkeit. Eine Selbstorganisation und gewisse Medienkompetenz wirken sich positiv auf das digitale Lernen aus. Alle eben genannten Faktoren sind aber nicht unmittelbar als direkte Voraussetzung zu verstehen, sondern können oder sollten sich im laufenden Prozess weiterentwickeln und verbessern. Eine technische Ausstattung, insbesondere Zuhause inklusive einer Breitbandanbindung sind notwendig. Beim Lernort Zuhause gilt es zu Lernen, wann Schule anfängt und wo diese aufhört, auch wenn keine Schulklingel läutet.

In digitalen Lehr-Lern-Szenarien besteht ein stärkerer Zugzwang als in Präsenz, „Ich lasse mal die anderen machen“ funktioniert im digitalen Lernkontext nicht. Die SuS treten verstärkt auch als Wissensvermittler auf, unterstützen sich gegenseitig und können gar Lernsequenzen unter Begleitung selbst entwickeln. Bei entsprechend ausgeprägter Selbstständigkeit der SuS wirkt sich digitale Lehre verstärkend auf die Ausbildungsreife aus.

Schulkooperationen

Bei einer Kooperation unter verschiedenen Schulen müssen die Lehrstile der gemeinsam Lehrenden zusammenpassen und teamfähig sein. Bei Kooperationen bedarf es fester und wiederkehrender Austauschtermine. Digitale Lehr-Lern-Szenarien ermöglichen, die regionale Wirtschaft durch Ankerzentren für z. B. Glasproduktion zu stärken, deren Azubis aufgrund von digitalen Einheiten nur einmal im Monat weiter Reisen müssten.

Konsequenzen aus bisherigen Erfahrungen

Im Folgenden werden zentrale Konsequenzen und Erkenntnisse aus den bisher gesammelten Erfahrungen der Lehrkräfte dargelegt. Um zu vermeiden, dass einzelne Auszubildende in Videokonferenzen abtauchen, sollte die SuS in ständiger Interaktion miteinander stehen, also kein Standbild eingerichtet haben. In kleineren Betrieben ist das digitale Lernen problematischer, da die Auszubildenden hier fest in die Alltagsstruktur eingeplant sind. Gute Binnendifferenzierung würde sehr hohe Zeitressourcen binden: Da braucht es Ressourcen, also wenn wir jetzt Lernfeld sieben nochmal dahin überprüfen würden (lacht) und das erweitern würden, dann würde das nochmal so lange dauern.“. Die SuS sollten sukzessive an die digitalen Lehr-Lern-Szenarien herangeführt werden. Trotz Krankheit wäre theoretisch eine Teilnahme an z. B. einer Webkonferenz möglich, die rechtliche und versicherungstechnische Lage mal außen vorgelassen. Somit könnten Auszubildende, welche zwar fit sind, aber noch ein Ansteckungsrisiko bergen, am Unterricht teilhaben. Das selbstgesteuerte Lernen der SuS muss kontrolliert werden und setzt oben erläuterte Anforderungen an die SuS voraus. Trotz der gebenden Freiheit sollten Rahmen abgesteckt werden, die den SuS als Orientierung dienen. „Und Blended Learning ist auch nicht nur Videokonferenz. Also da gibt es mit Sicherheit Perspektiven und im Grunde ist es eine Lernortverschiebung und da gibt es auch mehrere Möglichkeiten als nur in der Schule rumzuhängen oder sonst wo, da kann man auch mal eine Fahrt machen oder mit einem Unternehmen oder mit einem international Anderen mal kooperieren. Also da sehe ich spannende Felder ehrlich gesagt.“. Um eine Blockung des Unterrichts führt kein Weg vorbei um die Sonntags- und Abendtermine zu vermeiden. „Und ich finde, wenn man denn in der, wenn man das den Auszubildenden so angenehm wie möglich machen will und dann auch sagt ‘Gut, wir gehen nicht in euren Freizeitbereich rein‘, (.) oder nicht ans Wochenende, dann sind die auch bereit in dieser Zeit, diese effektiv zu nutzen und auch zu arbeiten.“, „Und wenn du drei Wochen Unterricht hast und davon jede Dritte ist Blended und du sitzt am Rechner und steuerst das von da, finde ich das völlig unproblematisch. (.) Gerade wenn wir sagen ‚wir reduzieren mal die Rumfahrerei von Schülern und Lehrern‘".